Sauerteigbrot backen: das Grundrezept für Anfänger

Von Alessandro Parini · · 7 Min. Lesezeit

Angeschnittenes, knuspriges Sauerteigbrot mit offener Krume auf einem Holzbrett

Dein Anstellgut lebt, blubbert und ist bereit. Jetzt kommt der schönste Teil: das erste eigene Sauerteigbrot. Und ich verspreche dir, es ist weniger Hexerei, als das Internet dich glauben lässt. Du brauchst nur vier Zutaten, einen Topf und etwas Geduld. In dieser Anleitung backen wir gemeinsam einen knusprigen Laib, Schritt für Schritt: vom Auffrischen des Anstellguts übers Dehnen und Falten bis zum tiefbraunen Krachen der Kruste. Keine zusätzliche Hefe, keine Maschine, kein Bäckerdiplom.

Wenn du noch ganz am Anfang stehst und wissen willst, was da im Glas eigentlich passiert, lies zuerst Was ist Sauerteig?. Hier geht es ans Backen.

Was du für dein erstes Brot brauchst

Das Grundrezept ergibt einen runden Laib von rund 800 g. Ich arbeite in Bäckerprozenten, aber keine Sorge, ich rechne dir alles in Gramm vor.

Zutaten:

  • 500 g Mehl (ich nehme 400 g Weissmehl und 100 g Ruch- oder Roggenmehl für mehr Charakter)
  • 350 g Wasser, handwarm (das sind 70 Prozent Hydration, der Sweet Spot für Einsteiger [1])
  • 100 g aktives Anstellgut (rund 20 Prozent, frisch aufgefrischt)
  • 10 g Salz (2 Prozent)

Ausrüstung:

  • Eine grosse Schüssel und eine Teigkarte
  • Ein Gärkörbchen (Banneton) oder eine Schüssel mit einem gut bemehlten Tuch
  • Ein Gusseisentopf mit Deckel, der leer in den Ofen darf
  • Eine scharfe Klinge oder ein Bäckermesser (Lame) zum Einschneiden
  • Backpapier und ein Kuchengitter

Welches Mehl sich wofür eignet und warum Ruch- oder Vollkornmehl mehr Geschmack bringt, habe ich dir im Detail unter Welches Mehl für Sauerteig? aufgeschrieben.

Hand rührt mit einem Holzlöffel ein blasiges Anstellgut in einem Glas auf, daneben eine Schale Mehl und ein Glas Wasser
Alles beginnt mit einem frisch aufgefrischten, aktiven Anstellgut.

Sauerteigbrot backen: Schritt für Schritt

  1. Anstellgut auffrischen. Am Vorabend frischst du eine kleine Menge Anstellgut im Verhältnis 1:5:5 auf, zum Beispiel 10 g Anstellgut, 50 g Mehl und 50 g Wasser. Lass es 8 bis 12 Stunden bei Zimmertemperatur stehen, bis es sich sichtbar verdoppelt hat und blasig und gewölbt ist. Reif ist es, wenn ein Löffel davon im Wasserglas oben schwimmt. Du brauchst rund 100 g davon. Mehr zum Rhythmus des Fütterns findest du unter Sauerteigstarter pflegen.
  2. Autolyse ansetzen. Verknete die 500 g Mehl mit den 350 g handwarmem Wasser nur grob zu einem klumpigen Teig, ohne Salz und ohne Anstellgut. Decke die Schüssel ab und lass den Teig 30 bis 60 Minuten ruhen. In dieser sogenannten Autolyse quillt das Mehl, und das Klebergerüst baut sich fast von allein auf. Diese halbe Stunde Nichtstun spart dir später viel Kneten.
  3. Anstellgut und Salz einarbeiten. Gib die 100 g reifes Anstellgut und die 10 g Salz auf den Teig. Drücke und falte beides mit feuchter Hand ein, bis alles homogen verteilt ist und sich der Teig zu einer geschmeidigen, leicht klebrigen Masse zusammenfügt.
  4. Stockgare mit Dehnen und Falten. Jetzt geht der Teig bei rund 22 Grad etwa 4 bis 6 Stunden. In den ersten zwei Stunden dehnst und faltest du ihn 3 bis 4 Mal im Abstand von 30 bis 45 Minuten: mit nasser Hand eine Seite hochziehen, über die Mitte legen, die Schüssel eine Vierteldrehung weiter, viermal rundum. Das baut Struktur auf, ohne zu kneten. Fertig ist die Stockgare, wenn der Teig um etwa 50 bis 75 Prozent gewachsen, aufgebläht und blasig ist und leicht wackelt.
  5. Vorformen und Formen. Stürze den Teig auf eine leicht bemehlte Fläche, forme ihn locker rund vor und lass ihn 15 bis 20 Minuten entspannen. Forme ihn dann straff zu einer Kugel, indem du ihn von aussen zur Mitte faltest und ein paar Mal über die Arbeitsfläche ziehst, bis die Oberfläche schön gespannt ist. Lege ihn mit dem Schluss nach oben in dein gut bemehltes Gärkörbchen.
  6. Kalte Stückgare im Kühlschrank. Decke das Körbchen ab und stelle es 12 bis 18 Stunden in den Kühlschrank bei 4 bis 6 Grad. Diese kalte Gare über Nacht entwickelt Aroma, verfeinert die Krume und sorgt für mehr Ofentrieb [2]. Hast du keine Zeit, lässt du den Teig stattdessen 1 bis 2 Stunden bei Zimmertemperatur gehen, bis er auf leichten Fingerdruck langsam zurückfedert.
  7. Ofen und Topf vorheizen. Stelle den Gusseisentopf mitsamt Deckel in den Ofen und heize beides 30 bis 45 Minuten auf 250 Grad Ober- und Unterhitze vor. Der Topf muss richtig heiss sein: Er hält den Dampf des Brotes im Innern und ersetzt so die Bedampfung im Bäckerofen.
  8. Einschneiden und im Topf backen. Stürze den kalten Teig auf ein Stück Backpapier und schneide die Oberfläche mit einer scharfen Klinge etwa 1 cm tief ein. So bestimmst du selbst, wo das Brot aufreisst. Hebe den Teig samt Papier in den heissen Topf und backe 20 Minuten bei 250 Grad mit geschlossenem Deckel. Nimm dann den Deckel ab, senke auf 230 Grad und backe weitere 20 bis 25 Minuten, bis die Kruste tief goldbraun ist und es beim Klopfen auf den Boden hohl klingt.
  9. Auskühlen lassen. Das Wichtigste zum Schluss: Lass das Brot auf einem Gitter mindestens 1 bis 2 Stunden vollständig auskühlen, bevor du es anschneidest. Die Krume gart dabei nach. Schneidest du zu früh, wird sie klitschig, und die schöne Struktur fällt in sich zusammen.
Geformter Sauerteig ruht mit dem Schluss nach oben in einem gut bemehlten runden Gärkörbchen
Straff geformt und gut bemehlt zieht der Laib im Körbchen über Nacht sein Aroma.

Warum die kalte Stückgare den Unterschied macht

Wenn ich einen einzigen Tipp fürs erste Brot geben dürfte, wäre es dieser: Gönn dem geformten Teig die Nacht im Kühlschrank. In der Kälte arbeiten die Milchsäurebakterien langsam weiter, während die Hefen fast pausieren. Genau diese lange, kühle Führung baut das feine, leicht säuerliche Aroma auf, für das echtes Sauerteigbrot geschätzt wird, und macht das Brot bekömmlich. Als angenehmen Nebeneffekt lässt sich kalter Teig deutlich sauberer einschneiden als warmer, weicher.

Übrigens steckt hinter dem typischen Sauerteig-Aroma ein erstaunlich cleveres Bündnis. Das für klassischen Sauerteig prägende Bakterium Fructilactobacillus sanfranciscensis lebt mit seiner Partnerhefe zusammen, weil beide unterschiedliche Zucker verwerten: Die Hefe kann Maltose nicht verstoffwechseln, das Bakterium aber braucht sie geradezu. So kommen sich die beiden beim Fressen nie in die Quere und halten ein Anstellgut über Jahrzehnte stabil [3]. Zwei Mitbewohner, die sich perfekt ergänzen, in einem Glas auf deiner Küchenablage.

Woran du merkst, dass der Teig bereit ist

Der häufigste Anfängerfehler ist nicht das Kneten oder das Formen, sondern das Timing. Zu kurz gegangener Teig gibt ein dichtes, kompaktes Brot, zu lang gegangener einen flachen Laib, der beim Backen kaum aufgeht. Verlass dich darum nie allein auf die Uhr, sondern lerne, den Teig zu lesen.

Nach der Stockgare sollte der Teig spürbar an Volumen gewonnen haben, sich luftig und leicht wackelig anfühlen und an der Oberfläche kleine Blasen zeigen. Für die Stückgare hilft der Fingertest: Drücke sanft mit einem bemehlten Finger in den Teig. Federt die Delle langsam und nur teilweise zurück, ist er goldrichtig. Springt sie sofort komplett zurück, braucht er noch etwas Zeit. Bleibt die Delle einfach stehen, ist er übergangen und du backst besser sofort. Mit ein paar Broten hast du das im Gefühl, versprochen.

Wenn etwas schiefgeht

Das erste Brot wird selten perfekt, und das ist völlig normal. Ein flacher Laib, eine dichte Krume oder ein Teig, der einfach nicht aufgehen will, haben fast immer eine von wenigen Ursachen: ein zu junges Anstellgut, eine zu kurze oder zu lange Gare, oder eine zu kühle Küche. Die häufigsten Stolpersteine und ihre Lösungen habe ich dir gesammelt unter Sauerteig-Probleme lösen. Dort findest du auch, woran du Über- und Untergare erkennst.

Fertig gebackenes, angeschnittenes Sauerteigbrot mit knuspriger goldbrauner Kruste und offener Krume auf einem Holzbrett
Das Ziel: knusprige Kruste, offene Krume und ein Duft, der die ganze Wohnung füllt.

Quellen

  1. The Clever Carrot, Sourdough Bread: A Beginner's Guide (Hydration, Autolyse, Auskühlen): https://www.theclevercarrot.com/2014/01/sourdough-bread-a-beginners-guide/
  2. Marcel Paa, Sauerteigbrot wie vom Bäcker (handwarmes Wasser, kalte Gare, Backen im Topf): https://www.marcelpaa.com/rezepte/sauerteigbrot/
  3. Fructilactobacillus sanfranciscensis, Wikipedia (Maltose-Symbiose von Bakterium und Hefe): https://en.wikipedia.org/wiki/Fructilactobacillus_sanfranciscensis

Bereit für deinen ersten Laib?

Für echtes Sauerteigbrot brauchst du nur eines: ein lebendiges Anstellgut. Unser Frischer Sauerteigstarter · Mutterteig (35 g) kommt frisch aus eigener Produktion in der Schweiz, inklusive Kurzanleitung und Versand per A-Post, für CHF 11.90. Damit frischst du heute auf und backst morgen deinen ersten Laib, und danach für immer weiter.

Häufige Fragen

Wie viel Anstellgut brauche ich für 500 g Mehl?
Für ein zuverlässiges Anfängerbrot rechnest du mit rund 100 g aktivem Anstellgut auf 500 g Mehl, also etwa 20 Prozent. Weniger geht auch, dann dauert die Gare länger. Wichtiger als die genaue Menge ist, dass das Anstellgut frisch aufgefrischt, blasig und reif ist.
Wie lange muss Sauerteigbrot gehen?
Rechne mit rund 4 bis 6 Stunden Stockgare bei Zimmertemperatur und danach 12 bis 18 Stunden kalter Stückgare im Kühlschrank. Bei wärmerer Küche geht es schneller, bei kühlerer langsamer. Verlass dich auf den Teig, nicht auf die Uhr: Er sollte sichtbar gewachsen und blasig sein.
Muss ich das Sauerteigbrot in den Kühlschrank stellen?
Zwingend nötig ist es nicht, aber die kalte Stückgare über Nacht macht das Brot aromatischer, gibt eine schönere Krume und mehr Ofentrieb. Ausserdem kannst du dann backen, wann es dir passt. Alternativ lässt du den geformten Teig 1 bis 2 Stunden bei Zimmertemperatur gehen.
Kann man Sauerteigbrot ohne Hefe backen?
Ja. Ein reifes, aktives Anstellgut ist das Triebmittel, du brauchst keine zusätzliche Backhefe. Die wilden Hefen und Milchsäurebakterien im Sauerteig treiben das Brot ganz von selbst, es dauert nur länger als mit Industriehefe.
Warum darf man Brot nicht warm anschneiden?
Weil die Krume beim Auskühlen nachgart: Die Stärke festigt sich und die Restfeuchte verteilt sich gleichmässig. Schneidest du zu früh, entweicht der Dampf, die Krume wird klitschig und klebrig. Deshalb lohnt sich die Geduld von ein bis zwei Stunden.